
Rainer Mader, Jahrgang
1954
"Kommen Sie doch raus zu mir in die Eifel. Jetzt wo die Sonne
scheint, ist es zu schön im Grünen, um sich in meinem Studio in Köln zu
treffen."
Er hat Recht: am Rande eines kleinen Dorfes liegt an einem
Bachlauf inmitten von Gärten ein Schulgebäude aus der Nachkriegszeit. Rainer
Mader hat es vor zehn Jahren gekauft, seitdem Stück für Stück saniert und sich
damit eine unvergleichliche Idylle geschaffen.
Erst spät entdeckte
Mader seine Liebe zur Architektur, für die er sich sowohl privat als auch
beruflich immer mehr Zeit und Raum nimmt. Nach dem Abitur beginnt er seine
Karriere zunächst in Stuttgart. Im Bereich der Modefotografie assistiert er
bei Katalogproduktionen und arbeitet für renommierte Kunden im In- und
Ausland. Nach gut fünf Jahren zieht er nach Köln und arbeitet dort als
Studioleiter für eine Werbeagentur. Neben Mode bewirbt er mit seiner
Fotografie nun auch vermehrt Autos, Möbel und Pharmaerzeugnisse.
Über Autos und Möbel zur Architektur
Während eines
Autoshootings vor der Neuen Nationalgalerie in Berlin betritt Rainer Mader zum
ersten Mal den Mies-van-der-Rohe-Bau. Unbefangen und frei von
architektonischem Wissen steht er in der komplett leergeräumten
Ausstellungshalle. "Ich habe einen wahnwitzigen Schrecken bekommen, am Ende
der Halle ist eine helle Marmorsäule, ansonsten nur Glas und du denkst, die
ganze Halle steht auf dieser Marmorsäule. Da ist mir erst einmal die
intellektuelle Tragweite von diesem einfachen Gebäude bewusst geworden. Ich
habe mich absolut verliebt in diesen Bau und jedes Mal, wenn ich in Berlin
bin, renne ich um dieses Ding rum und es ist immer wieder dasselbe Gefühl."
Anfang der 80er Jahre lernt Rainer Mader dann den Architekten Thomas
van den Valentyn kennen. Mit einem Architekturmodell in der Hand steht er vor
Maders Studiotür in Köln und bittet ihn, dieses zu fotografieren. Mader, schon
seit Tagen mit einem stressigen Werbejob beschäftigt, ist mit dem kleinen
filigranen Modell neben den Möbelaufbauten in seinem Studio so überfordert,
dass er ablehnt. Valentyn lässt sich davon allerdings nicht beeindrucken: "Ich
bleibe so lange hier sitzen, bis Sie mein Modell fotografiert haben und wenn
es zwei Tage dauert." "Und dann saß er wirklich drei Stunden auf dem Sofa
während wir weiter fotografierten. Nach vier Stunden wurde mir das dann zu
bunt und ich sagte zu ihm: Valentyn, du kannst jetzt gehen, ich mache es heute
Nacht noch."
Die Entdeckung der Sachlichkeit
Van den
Valentyn schafft es, Mader für die Architektur zu begeistern. Schon bald
fotografiert Mader auch Valentyns Bauten. Der vertraute Umgang mit der
Großformatkamera, sein Handwerkszeug für den hohen Anspruch der Autowerbung,
kommt ihm dabei zugute. Mader merkt jedoch schnell, dass die
Architekturfotografie nicht mit einem laufenden Studio für Werbefotografie zu
vereinen ist. "Man kann ja bei Architektur nicht morgens um sechs anfangen und
nachmittags um fünf ist alles fotografiert. Gute Bilder entstehen erst, wenn
das Licht 100%ig stimmt und das kann sich von morgens bis abends, von
Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang hinziehen."
Rainer Mader fasst den
Entschluss, sich mehr Raum und die notwendige Zeit für die
Architekturfotografie zu schaffen und beginnt sich mit Architektur, Design und
Malerei auseinander zu setzen. Seine Begeisterung für das Bauhaus festigt
sich. Die schmucklose Klarheit hat Mies van der Rohes Werke für ihn zeitlos
gemacht. "Da kann man einfach nichts mehr verbessern. Alles, was über die
Sachlichkeit hinausgeht, ist der Mode unterworfen."
Er beschließt,
sich ein Wohnmobil zu kaufen, um während seiner Arbeit nicht der Zeit
hinterherzulaufen, sondern auf sie warten zu können: "Das war ja nicht mehr zu
ertragen, da möchte man morgens um 6 Uhr irgendwo fotografieren, steht im
Stau, kommt erst um 10 nach 6 an und das erwartete Licht ist weg. Was macht
man denn dann? Wieder hinfahren, nach Frankfurt oder Hamburg? Nein. Also
übernachtet man dort nur für die 10 Minuten am nächsten Morgen. Mit dem
Wohnmobil passiert einem das nicht."
Die Inszenierung folgt
einem natürlichen Gefühl
Bevor Rainer Mader beginnt, ein Gebäude
zu fotografieren, gleicht er einem Wanderer, der sich ohne Karte in der Hand
aufmacht, einen fremden Ort zu erforschen. Neben der Auseinandersetzung mit
dem Bau, der städtebaulichen Einbindung sowie den Licht- und
Wetterverhältnissen, nähert Mader sich der Architektur über das Denken in
Bildern. Im Kopf komponiert er mit dem Wissen der technischen Möglichkeiten
seiner Kamera Bildkonzepte, die in ihrem Ausdruck dem Geist der Architektur
und der intellektuellen Idee des Architekten entsprechen sollen.
Dabei
versteht sich Mader in erster Linie als Handwerker und nicht als Künstler.
Sein Anliegen ist es, ein dokumentarisches Abbild zu schaffen, das seine Kraft
durch sich selbst und nicht durch eine künstlerische Inszenierung erhält.
Stilmittel wie die Blaue Stunde oder einen diesig neutralen Himmel setzt er
unterstützend und nicht als Effekt ein.
Er versucht der Natur
gegenüber kompromissbereit zu bleiben. Auch das Durchbrechen der Sonne nach
einem Regenschauer oder ein dramatisches Wolkenbild am Himmel können eine
Intention oder Anziehungskraft bieten und das Sehen konzentrieren. "Viele
Leute denken ja immer, heute ist super Wetter, heute müssen wir fotografieren.
Das ist Unsinn. Was will man denn da fotografieren? Die hellen Sachen fressen
aus, das Mauerwerk bricht ab, die Schatten werden schwarz, das ist grauenhaft!
So nimmt man ein Gebäude nie wahr, wenn man davor steht. Das Auge gleicht ja
viel mehr aus."
Fotografie heißt Stellung
beziehen
Meistens jedoch wird die Inszenierung von Architektur
durch den Kunden vorgegeben. Auftraggeber, die Mader für eine
Verkaufsbroschüre buchen, bestellen Fotos, die "amerikanisch, bunt und
knallig" sein müssen. "Das ist so, das ist Werbepsychologie, da kann man nicht
wie Bernd und Hilla Becher in einem dunstigen Licht fotografieren".
Bei namhaften Architekturbüros kann man sich als Fotograf hingegen auf
das Wesentliche konzentrieren. "Da kann es dann auch sehr schön sein, ohne
eine bestimmte Lichtdramaturgie zu fotografieren. Je besser die Architektur,
um so reduzierter kann man arbeiten."
Arbeitet man gut mit einem
Architekten zusammen, kommt vielleicht ein Folgeauftrag von der Baufirma. "Die
wollen dann spektakuläre Fotos als Eyecatcher für ein anderes Publikum. Da
muss man flexibel bleiben, wenn man davon leben will."
Mader hat aber
auch gelernt, sich seinen Kunden gegenüber zu emanzipieren. Neben dem
Gewünschten bietet er seine eigenen Blickwinkel an - und hat damit Erfolg.
Oftmals können sich Auftraggeber vorher nicht vorstellen, welche Kraft Bilder
haben und wie sie, über Farbe und Perspektive hinaus, Inhalte transportieren
und Aussagen treffen können.
Der Mensch als Feind des
Architekten
Im Gegensatz zu Modellen und Animationen ist die
Architekturfotografie meist menschenleer. Bedenkt man, dass Architektur für
den Menschen geschaffen wird, ist diese Ausgrenzung umso erstaunlicher. Die
fotografische Dokumentation kann den Geist des Architekten am reinsten vor der
Übergabe wiederspiegeln. Das Wahrnehmen von unbefleckten Räumen in stimmigen
Proportionen ist für Mader der erotischste Moment an Architektur. "Und die
Leute, die da rumrennen, haben auch meistens das Falsche an". Dennoch findet
Mader es manchmal schade, dass die Fotografie nicht belebt und dadurch
einschätzbarer in ihren Dimensionen wird.
Neben dem Anspruch an die
klare Architektur und dem Willen, durch Kleidung und Frisur das Foto nicht in
ein zeitliches Korsett zu stecken, hat die Menschenleere auch sehr
pragmatische Gründe: "Fotografiert man auf Großformat, hat man schnell mal
Belichtungszeiten von einer Minute. Das müssen die Leute erst mal mitmachen".
Entscheidet man sich für Personen, sollte man nach Möglichkeit Models
engagieren, die richtig gekleidet und geschminkt sowie zur richtigen Zeit am
richtigen Ort sind. Dadurch entstehen Zusatzkosten, die vom Auftraggeber
meistens nicht getragen werden.
Die Wiederentdeckung des
Modells
Auch wenn das Fotografieren von Architekturmodellen Rainer
Mader nach wie vor wenig Freude bereitet, hat er das Medium schätzen gelernt.
"Das Modell und dessen Fotografie stellen eine wesentliche Kontrollfunktion
für den Architekten dar." Durch die Fotografie wird dem Modell die Abstraktion
durch den Maßstab genommen. So sind Maders Blickwinkel bei einem
Architekturmodell meist identisch mit denen am fertigen Bau. Darüber hinaus
ist für ihn die materielle Sinnlichkeit eines Modells durch eine Animation
nicht zu ersetzen.
Der Traum vom eigenen Haus
Je
länger wir uns in seinem Garten gegenübersitzen und mit leuchtenden Augen über
Architektur unterhalten, umso lebendiger werden seine Geschichten und
Anekdoten. Sein Werdegang hat ihn geprägt ohne dass er sich dabei untreu
geworden ist. So hält er es auch mit seiner Fotografie. Das digitale Zeitalter
hat für ihn das analoge noch nicht abgelöst. Trotz sensationeller Leistungen,
verführt die digitale Fotografie zu unsauberem Arbeiten. "Man glaubt immer die
Kontrolle zu haben, hat man aber nicht. Man hat zwar hinterher mehr Fotos aber
auch mehr Fehler." So fotografiert Rainer Mader nach wie vor auf Diamaterial.
Zur Weiterverarbeitung, Präsentation und Archivierung hingegen ist ihm der
Computer zu einem treuen Weggefährten geworden.
Seine Liebe zur
Architektur gab ihm schließlich auch das Vertrauen, die alte Schule zu kaufen
und umzubauen. Auch wenn der Traum von einem selbst gebauten Haus nicht in
Erfüllung gegangen ist, spürt man, dass er hier Ruhe für sich und seine
Architekturfotografie gefunden hat.
Christoph
Herkenrath